Hinter dem Park 

Es gibt Wissenschaftler, die beteuern, dass Eindrücke sich wie ein Virus von einem Menschen auf den Anderen übertragen können. Oder wie Flöhe.

Eine Sache, die ich aus Nikolajewka nach Hause in Lwiw mitnehme, ist der Eindruck oder die Vorstellung eines wunderbaren Ortes, der „hinter dem Park“ heißt.

Alle Schüler, die an dem Projekt teilnahmen, sprachen über diesen Ort. Jedes Mal mit Liebe und sehr herzlichen Gefühlen.

„Hinter dem Park“ ist ein weiter Abhang, der hinter dem Park beginnt und mit Grasfeldern sich irgendwohin ins Weite verläuft. Dieser Ort ersetzt den Jugendlichen viele Orte, die es in Nikolajewka nicht gibt. Hier geht man anstatt ins Kino hin. Anstatt eines Cafés. Oder anstatt eines Parks. D. h. es gibt in Nikolajewka einen Park, aber dieser ist verlassen und ungepflegt. Und die Jugendlichen ziehen es vor auf dem Weg zu „Hinter dem Park“ durch ihn durchzugehen.

Alle sprechen davon, dass sie hier gerne ihre Zeit verbringen, obwohl jeder besucht diesen Ort aus einem anderen Grund. Der eine kommt hier gerne mit vielen Freunden hin, um sich hier schon vor Ort aufzuteilen, um dann gleichzeitig sich im „engen Kreis“ und in einer größeren Gruppe aufzuhalten. Hier „Hinter dem Park“ gibt es die Reste einer Betonmauer, die früher das Territorium des Parks abgrenzte. Es ist sehr bequem auf diesen Betonpflastern zu sitzen. Und jedes Paar oder Trio oder Quartett kann sich hier für eine gewisse Zeit zurückziehen.

Es gibt auch welche, die gerne in die Tiefe des Hangs laufen, so dass sie nur Gras, Sträucher und Kuhfladen umgibt. Und über dir der Himmel so groß und weit ist, die es die Gesetze des Kosmos erlauben.

Für wiederum Andere ist „Hinter dem Park“ Garagen, zu denen man eine ordentliche Strecke zu Fuß gehen muss. Die Garagen ziehen einen aufgrund ihrer Dächer an. Im Sommer sind sie mit ihrer Harz Beschichtung sehr warm. Man kann dort Karten spielen, über intime Dinge sprechen und einfach nur das Rauschen der Felder im Wind. Außerdem gibt auf den Garagen noch besondere Vergnügungen, wie Typen mit Äxten oder tiefe Betonkeller, die mit Wasser gefüllt und außergewöhnlichen Viechern belebt sind.

Es gibt in Nikolajewka kein Kino. Um sich Filme auf der großen Leinwand anzuschauen, fahren Jugendliche in das benachbarte Slawjansk. Oder sie gehen „Hinter den Park“. Anstatt den neuesten Filmhits, kann man sich hier den Sonnenuntergang in Großleinwandformat anschauen. 

Die Jugendlichen aus Nikolajewka tun das wirklich. Wenn sie keine Zeit und kein Geld für die Fahrt nach Slawjansk haben, gehen sie „Hinter den Park“, um sich diesen Sonnenuntergang anzuschauen. Oder den nächtlichen Sternenhimmel. Das ist hier wirklich eine sehr populäre Art und Weise seinen Sommerurlaub zu verbringen. Zu zweit oder zu dritt hier herzukommen und sich schweigend den Himmel anzuschauen. Von Zeit zu Zeit kann dann auch ein Gespräch über etwas Wichtiges beginnen. Danach wieder Stille, das Rauschen der Felder und der Sternenhimmel.

Ich habe viele kleine Geschichten gehört, in denen Schüler „Hinter den Park“ gehen, was sie dort tun und über was sie dort sprechen. Jede Geschichte, einzeln betrachtet, erzählt nichts Besonderes, sondern auf nette Weise den Alltag von Jugendlichen. Über das erste Verliebtsein, gemeinsames Trinken, die Geheimnisse der Freundinnen. Aber wenn man alles zusammen hört, dann bekommt man den Eindruck von einem bedeutenden und sehr guten Ort. Alles, dort gesagt, bestaunt, gefühlt oder gedacht wurde, hat eine besondere Magie. Dort gibt es so eine tiefe Empfindung von Ruhe und Frieden, die man sonst in dieser Reinheit nirgendwo fühlen kann. Aber dort fühlst du sie.

Die Schüler haben mich auch dort hingeführt, als die Sonne unterging. Wir waren dort nicht besonders lange, weil es ein kalten und windiger Novembertag war. Das Gras war schon verwelkt. Bei diesem Wetter kann man dort nichts machen. Aber ich erinnere mich noch immer daran, wie die Strahlen der roten Herbstsonne über den ganzen Abhang strömen. Das ist meine besondere Geschichte in dieser Stadt. Sie wurde Teil meiner Vorstellung von „Hinter dem Park“, die mir die Jugendlichen, die Schüler der Schule Nr.3 vermittelten. Eine Vorstellung noch davon, das es auf dieser Welt Orte gibt, die man nicht selbst schaffen kann, wie z. B. ein modernes Kino.

Orte, die lange unter dem Sternenhimmel wachsen.

(Der Dramatiker Andrij Bondarenko aus Lwiw über seine Erlebnisse in Nikolajewka).