Der Donbass ist mehr als Krieg

Ein deutscher Regisseur inszenierte ein Theaterstück mit Schülern aus drei Städten im Donbass. Sergeij Gorbatenko am 29.11.2019 in Radio Svoboda

“Die Stadt zum Mitnehmen” – so heißt die Inszenierung, die der deutsche Regisseur Georg Genoux Schülern aus drei Städten im Donbass (Popasna, NIkolajewka, Bachmut) aufführte. Die Kinder erzählen von ihren geheimsten Erlebnissen: über Freundschaft, erste Liebe und über ihr Leben in ihren Städten. Darüber hinaus erzählen ihre ältesten Verwandten über ihre Erinnerungen an die Ereignisse in der Vergangenheit. Die Schüler sind keine professionellen Schauspieler, doch einige Zuschauer konnten vor und nach der Vorstellung die Tränen nicht zurückhalten.

In der Schule Nr. 3 in Nikolajewka, was nicht weit von Slawjansk entfernt liegt, sind heute Abend viele Menschen versammelt. Hierher kamen Menschen mittleren Alterns und schon ältere Bürger der Stadt. Sie warten alle auf den Anfang der Inszenierung, in der ihre Kinder und Enkel spielen. Sie heißt “Die Stadt zum Mitnehmen”. Hier spielen Schüler aus drei Städten: Nikolajewka und Bachmut aus dem Donetsker Gebiet, Popasna aus dem Lugansker Gebiet. Die Schüler erzählen von verschiedenen Dingen: über die erste Liebe, über das Leben in ihren Städten, über Soldaten und den Krieg. Auch die älteren Einwohner haben Rollen. Sie erzählen von ihren Erinnerungen (manchmal lustig, manchmal berührend) aus der Vergangenheit und singen Lieder.

Die Schülerin Maria aus Nikolajewka erinnert sich an den Krieg. Sie erzählt davon, dass es ihr jetzt etwas leichter fällt an all dies zu erinnern. “Ich war im Keller. Ich war 10 Jahre alt”. Ich erinnere mich nur daran, wie die Raketen flogen. Wir  wurden gebeten aus der Schule zu laufen und nach Hause zu gehen, weil gleich der Beschuss anfangen könnte. Von meinem Balkon aus konnte man sehen, wie die Kampfjets flogen.

Maria plant in der Zukunft nach Nikolajewka wieder zurückzukehren, um die Stadt weiterzuentwickeln. Wie genau, weiß sie aber noch nicht. “Die Jugendlichen hier sind von ihren Smartphones nicht abhängig, wie viele Erwachsene denken. Wir leben nicht nach Stereotypen. Wir haben ein fröhliches Leben. Wir wollten, dass die Erwachsenen, die unsere Vorstellung besuchten, fühlen würden, dass sie auch mal so wie wir waren. Damit sie uns nicht verurteilen, sondern verstehen und respektieren“ – so teilt Maria ihre Gefühle mit.

“Ein Teil der Stadt bleibt in deinem Herzen“

Viktor Schulik (Direktor der teilnehmenden Schule Nr.1 in Popasna)

In dieser Vorstellung treten keine professionellen Schauspieler auf. Aber die Zuschauer haben echte Emotionen. Sie sind aufgeregt. Einige weinen.

Über ihre Eindrücke haben wir Natalia Drosdova (Direktor der teilnehmenden Schule Nr.10) aus Bachmut gefragt.

“Ich hatte ganz verschiedene Gefühle, so wie die Geschichten der Schüler, ihrer Eltern und Großeltern verschieden waren. Ich hatte Emotionen vor Freude und Lachen – und aus Tränen und Ärger. Aus Ärger über das, was im Osten der Ukraine vor sich geht. Ärger darüber, dass wir in Wirklichkeit nur sehr wenig tun können. Aber solche Projekte, wo unsere Kinder daran teilnehmen, hilft etwas zu durchdenken uns etwas zu verstehen.“

Viktor Schulik aus Popasna meint, dass man über den Krieg nicht schweigen darf.

“Unser normales Leben baut sich aus diesen kleinen Geschichten. Und diese Geschichten sind in Wirklichkeit sehr wertvoll. Wir verstehen manchmal nicht, dass diese Geschichten in jedem Menschen sehr wichtig sind. Und hier hatten unsere Kinder die Möglichkeit ihre wichtigen Geschichten zu erzählen. “Die Stadt zum Mitnehmen” ist die realistischste und richtigste Bezeichnung des Theaterstücks. Weil ein Teil des Lebens, ein Teil deiner Stadt in deinem Herzen bleibt. Und die Kinder aus unseren Städten leben mit unseren Städten, dann in anderen. Eines Tages kommen sie wieder hier her zurück.

“Diese Menschen hier sind mir sehr ans Herz gewachsen”

Georg Genoux  (Regisseur “Die Stadt zum Mitnehmen”)

Der deutsche Regisseur Georg Genoux arbeitet seit 2014 mit Jugendlichen im Donbass. Über die jungen Menschen dort sagte er Folgendes: “Sie sind keine Schauspieler, sondern sehr lebendige Menschen. Gott sei dank, leben sie!. Diese Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich habe großes Vergnügen bei der Arbeit mit ihnen. Und was für mich das Wichtigste ist: Sie haben großes Vergnügen bei der Arbeit mit uns.”


Das Theaterstück heißt “Die Stadt zum Mitnehmen”. Worin besteht der Sinn “seine Stadt mitzunehmen”? Georg Genoux drückt es so aus: “Die Welt kennt den Donbass nicht. Alle Medien assoziieren den Donbass jetzt nur mit Krieg oder vielleicht mit einer Welt mit einem harten Industriegebiet. Aber es gibt hier so viel Schönheit. In erster Linie in den Jugendlichen hier. Und von der wunderschönen Natur weiß kaum jemand etwas. Meine Idee war, dass unsere Jugendlichen mit unserer Theaterinszenierung in verschiedene Städte, in verschiedene Länder reisen und dort über ihre Städte zu erzählen. So nehmen sie ihre Orte mit sich mit.”Wir fragen Georg nach den Erinnerungen der Kinder an den Krieg. Vielleicht sollte man darüber nicht sprechen, sondern alles vergessen? Der Regisseur denkt darüber Folgendes: “Auf keinen Fall vergessen. Alles, was du nicht verarbeitest, meinst zu vergessen, tötet dich später im Inneren. Und hier ist Kunst, Theater eine einzigartige Möglichkeit, ein einzigartiges Instrument sich mitzuteilen. Wir wissen aus unserem Alltag, wie wichtig es für uns ist gehört zu werden, uns mitteilen zu können.Georg Genoux sagt, dass im Westen die Menschen über den Donbass nur aus Zeitungen und dem Fernsehen erfahren. Aber diese Inszenierungen helfen den Menschen in Europa mehr über den Donbass zu erfahren.“Wir machen hier keine Inszenierung über den Krieg, sondern über den Donbass. Der Donbass ist viel mehr als dieser Krieg. Und wenn Menschen  sich durch Theater einander begegnen, nehmen sie sich ganz anders wahr, als durch die Medien”.Nach Nikolajewka fährt diese Inszenierung nach Kharkov, Lwiw, Kiew, Berlin und Wien.


Den Orginal text auf der Homepage von Radio Svoboda finden Sie hier.